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— The Executive Edge · Ausgabe 3 · Berichtszeitraum Juni 2025

Zwischen Zinswende und Zeitenwende – ein Sommer der doppelten Transformation

Während halb Deutschland ins Freibad flüchtet, kommen die Entscheider, Manager und Eigentümer in diesem Sommer kaum zum Durchatmen. Das „Sommerloch“ fällt 2025 aus

Versendet 10. Juli 2025 Lesezeit 7 Minuten Von Sebastian Kohler & Dr. Oliver Kempkens

Kennzahlen des Berichtsmonats Juni 2025 · amtliche Werte (Destatis, BA, EZB, Eurostat), nachträglich ergänzt

0,0 %BIP ggü. Vorquartal
2,0 %Inflation (VPI)−0,1 Pp. ggü. Vormonat
2,0 %EZB-Einlagesatz−0,25 Pp. ggü. Vormonat
6,2 %Arbeitslosenquoteunverändert ggü. Vormonat

Während halb Deutschland ins Freibad flüchtet, kommen die Entscheider, Manager und Eigentümer in diesem Sommer kaum zum Durchatmen. Das „Sommerloch“ fällt 2025 aus – zu viel ist los und hält Vorstandsetagen wie Politik auf Trab. Wirtschaftlich zeigt sich die Lage so wechselhaft wie das Aprilwetter. Die Inflation ist – wer hätte es gedacht – fast wieder auf Normalkurs: Im Juni sank die Teuerungsrate in Deutschland auf 2,0 % und liegt damit erstmals seit Jahren im Zielbereich der EZB.

Prompt hat die Europäische Zentralbank den Leitzins wieder leicht gesenkt – nach über einem Jahr Zinserhöhungen in Serie. Die Konjunktur indes bleibt launisch: Zwischen hoher Kerninflation, weiterhin ausbleibenden Direct Investments und Abkühlungstendenzen wird die kommende Berichtssaison zum Stimmungstest. Viele Unternehmen kommen trotz der Nachwehen der Energiekrise und dem Fachkräftemangel noch relativ gut durch, doch beim Ausblick bleibt mancher Vorstand vorsichtig – hohe Finanzierungskosten, ESG-Auflagen und geopolitische Risiken drücken auf die Stimmung. Passend dazu mahnte schon Ludwig Erhard 1953:

„Je freier die Wirtschaft ist, umso sozialer ist sie auch.“

Während einige Politiker und Industrievertreter ESG-Regulierung als Hemmschuh sehen und entschlacken wollen, warnen über 100Unternehmen und Investoren eindringlich vor einem Aufweichen der Regeln – aus ihrer Sicht fördern Transparenz und Klimarisikomanagement die Wettbewerbsfähigkeit, jedoch auch nur über 100.

Auch politisch geht es hoch her. Die Bundesregierung ringt um diverse Reformprojekte – von Steuerentlastungen über Klimaschutz bis zur maroden Infrastruktur – und nebenbei um einen Bundeshaushalt, der wegen Schuldenbremse und Konjunkturflaute besonders knapp ausfällt. Auch transatlantisch knirscht es: Weder bei neuen US-Klimasubventionen noch bei alten Dauerbrennern wie Stahlzöllen ist ein Handelsfrieden in Sicht. Neue Spannungen belasten das Verhältnis zu Washington – und damit die exportorientierte deutsche Industrie.

Bewegung herrscht schließlich in den Chefetagen, die wir auch stets in unserer Rubrik „Notable Changes“ beleuchten. Gleich bei mehreren DAX-Konzernen kam es zum Stühlerücken an der Spitze, auch im Juni wieder, insbesondere auf der Finanzvorstandsposition. So rückten die Stühle unter anderem bei SCHOTT Pharma, HelloFresh und der Hochtief. Die hohe Fluktuation auf der CFO-Position beleuchteten auch Russell Reynolds Associates in Ihrer Studie “Global CFO Turnover 2024” und kamen mit 15,1% auf den zweithöchsten Wert aller Zeiten. Die Erwartungen gegenüber Finanzvorständen ist derzeit immens hoch: So sollen sie gleichzeitig ESG-Compliance umsetzen, Kosten senken, die Digitalisierung vorantreiben und nachhaltige Lieferketten aufbauen.

All diese Veränderungen erinnern an John Maynard Keynes’ geflügeltes Wort: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung“ – ein Motto, das in unruhigen Zeiten überlebenswichtig ist, aber nicht zum wilden Aktionismus führen sollte.

Bis zum nächsten Monat – mit frischem Blick auf Märkte, Macht und Manager.

Einen erfolgreichen Tag wünschen,Sebastian Kohler & Dr. Oliver Kempkens

Notable Changes

Wechsel in den Chefetagen im Berichtszeitraum.

Christian Gärtner

CFO bei HelloFresh SE –legt sein Amt als Finanzvorstand spätestens im 4. Quartal 2025 nieder (Rücktritt angekündigt; Bekanntgabe am 4. Juni 2025)

finance-magazin.de

Dr. Almuth Steinkühler

CFO bei SCHOTT Pharma AG & Co. KGaA verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch (legt ihr Amt zum Vertragsende nieder; Bekanntgabe am 11. Juni 2025 ) – Nachfolger wird Reinhard Mayer

finance-magazin.de

Thomas Strobl

CFO bei der Grammer AG – tritt nach nur wenigen Monaten im Amt zurück (verließ den Vorstand im gegenseitigen Einvernehmen zum 20. Juni 2025; Bekanntgabe am 18. Juni 2025)

marketscreener.com

Peter Sassenfeld

CFO bei Hochtief AG – geht nach über 13 Jahren als Finanzchef in den Ruhestand (scheidet Ende Juni 2025 aus dem Vorstand aus; Christa Andresky wurde zur Nachfolgerin ab1. Juli 2025 ernannt; Bekanntgabe am 24. Juni 2025)

finance-magazin.de

Timo Krutoff

ehemaliger Deutz-Finanzchef) wird neuer CFO bei der Takkt AG –wechselt zum SDAX-notierten Omnichannel-Händler und komplettiert den Vorstand ab 7. Juli 2025 (Nachfolge für den ausscheidenden CFO Lars Bolscho; Bekanntgabe am 25. Juni 2025)

finance-magazin.de

Angela Titzrath

CEO (Vorstandsvorsitzende) bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA)– kündigt ihren Rückzug an (scheidet spätestens zum 31. Dezember 2025 im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat aus dem Amt – Bekanntgabe am 23. Juni 2025)

finanznachrichten.de

Economy & Politics

Die deutsche Wirtschaft tastet sich im Frühsommer 2025 langsam aus der Schwächephase. Derifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juni leicht auf 88,6 Punkte – der sechste Anstieg in Folge und ein Signal wachsender Zuversicht in den Führungsetagen. Besonders die Erwartungen für die kommenden Monate verbesserten sich, wenngleich die aktuelle Lage noch als angespannt gilt.

Ähnlich der Trend beim HCOB Einkaufsmanagerindex: Der Industrie-PMI überschritt im Juni mit 50,4 erstmals seit Monaten wieder die Wachstumsschwelle. Die Auftragseingänge zogen leicht an, was auf eine beginnende Stabilisierung des produzierenden Gewerbes hinweist.

Gleichzeitig ist die makroökonomische Lage weiterhin fragil. Das BIP wuchs im ersten Quartal lediglich um 0,2 %, im Vergleich zum Vorjahr schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 0,4 %. Viele Volkswirte gehen davon aus, dass das zweite Quartal erneut nur stagnierendes Wachstum bringen wird – von konjunktureller Dynamik keine Spur: Die Inflation fiel wie schon im Editorial beschrieben zwar im Juni auf 2,0 %.

Auf politischer Ebene reagiert die Bundesregierung mit einem Mix aus Haushaltskonsolidierung und gezielter Wachstumsförderung. Der Haushaltsentwurf für 2026 wurde im Juni in Eckpunkten vorgestellt – mit Fokus auf Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Verteidigung, aber unter strikter Einhaltung der Schuldenbremse. Gleichzeitig laufen auf EU-Ebene die Verhandlungen über industriepolitische Gegenmaßnahmen zur US-Zolloffensive. Denn seit Juni gelten in den USA verdoppelte Zölle auf Stahlimporte (50 %), begleitet von verschärften Einfuhrabgaben auf Maschinen und Fahrzeuge. Laut ifo könnte allein diese Maßnahme das deutsche BIP 2025 um 0,3 Prozentpunkte belasten.

Wirtschaftlich steht Deutschland damit weiterhin auf der Kippe zwischen Erholung und Rezession. Erste Stabilisierungsanzeichen sind vorhanden, aber externe Risiken – allen voran geopolitische Unsicherheit und Protektionismus – könnten die zarte Erholung rasch wieder zunichtemachen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der leichte Sommeraufschwung trägt – oder sich als trügerisch erweist.

Was die Lage für Besetzungen auf Führungsebene bedeutet.

  • Wechselwelle im Top-Management: In einer aktuellen Umfrage planen rund ein Drittel der CFOs einen Jobwechsel bis Ende 2025. Gerade in DAX/MDAX-Unternehmen deutet sich eine CFO-Wechselwelle an. Unternehmen sollten frühzeitig mit der Nachfolgeplanung beginnen, um Kontinuität sicherzustellen.
  • Top-3-Kompetenzen gesucht: Digitalisierung vorantreiben, resilient führen und ESG verankern sind die momentan gefragtesten Fähigkeiten auf C-Level. Firmen priorisieren Führungskräfte, die den digitalen Wandel agil vorantreiben können und zugleich Nachhaltigkeit sowie Diversity strategisch einbinden. Diese Kompetenzen dominieren branchenübergreifend nahezu alle aktuellen C-Level-Stellenprofile.
  • Time to hire steigt weiter: Die Besetzungsdauer für Top-Positionen zieht sich immer länger hin. Aktuell vergehen durchschnittlich rund 6,5–7 Monate bis eine CEO-Rolle neu besetzt ist – ca. 12 % länger als im Vorjahr. Tatsächlich berichten 60 % der Unternehmen von verlängerten Einstellungszeiten im Jahr 2024. Gründe sind u.a. aufwändigere Suchprozesse und anspruchsvollere Kandidatenerwartungen.
  • Kandidatenmarkt kippt: Hochqualifizierte Talente zeigen sich zwar wechselbereiter als zuvor, stellen aber höhere Ansprüche. Flexible Arbeitsmodelle und eine klare Werteorientierung des Arbeitgebers zählen vielen inzwischen mehr als ein Spitzengehalt. Unternehmen müssen daher mit attraktiver Kultur, Sinnstiftung und modernen Arbeitsbedingungen punkten, um High Potentials für einen Wechsel zu gewinnen.
  • Branchen Fokus Sommer: In Europas Technologie-, Medien- und Telekom-Branche lag die CEO-Wechselrate 2024 bei 19 % – weit höher als in Finanz- oder Konsumgütersektoren. Die Schweiz verzeichnete im Top-Index gar jeden dritten CEO-Wechsel, während Deutschland bei ca. 10 % lag.
  • Vorstandsvergütung im Wandel: Erste Analysen für 2025 zeigen eine Umschichtung bei Manager-Gehältern. Variable Bonuszahlungen sinken deutlich, während die Fixgehälter moderat steigen. Sicherheit wird höher bewertet als Risiko – ein Trend, der sich in sinkenden Bonusanteilen (teils zweistelliger Rückgang) und leicht erhöhten Festbezügen widerspiegelt. Unternehmen reagieren damit auf volatile Märkte und setzen auf mehr Planbarkeit in der Vergütung.
  • Diversity Quoten unter Druck: Trotz gesetzlicher Vorgaben erreichen viele börsennotierte Firmen in DACH ihre selbst gesetzten Frauenquoten in Führung nicht. So haben zuletzt über 10 % der Börsenunternehmen bisher nicht einmal verbindliche Zielgrößen für den Frauenanteil publiziert. Die Geduld von Gesetzgebern und Investoren dürfte enden– erste rechtliche Schritte gegen säumige Unternehmen erscheinen denkbar, falls die Ziele weiterhin verfehlt werden.
  • Krisen-Leadership gefragt: Führungskräfte mit nachweisbarer Krisenerfahrung sind heiß begehrt. Kandidat:innen, die Restrukturierungen, Fusionen oder geopolitische Risiken bereits erfolgreich gemanagt haben, werden bevorzugt rekrutiert. Arbeitgeber suchen Leader, die Unternehmen stabil durch Turbulenzen navigieren und kreative Lösungen in unsicheren Zeiten finden können – Turnaround-Profis mit Weitblick sind daher besonders gefragt.
  • Hidden Candidates – Besetzung unter dem Radar: Aktuell werden ca. 38 % aller Top-Positionen verdeckt über diskrete Direktansprachen besetzt. Viele Spitzenkandidat:innen sind offen für neue Herausforderungen, möchten aber angesprochen werden, statt sich selbst zu bewerben. Die vertrauliche Direktansprache durch Headhunter zahlt sich aus und führt oft zu Besetzungen, die in keinem Stellenportal auftauchen.
  • Kultur schlägt CV: Beim Auswahlprozess für Führungskräfte gewinnt der Cultural Fit zunehmend mehr Gewicht als der bloße Lebenslauf. Unternehmen legen großen Wert darauf, dass neue Executives zur Unternehmenskultur passen und nicht nur mit fachlicher Leistung glänzen. In Assessments und Interviews zählt also mehr denn je die Werte- und Kulturpassung– sie gilt als Schlüsselfaktor für nachhaltigen Führungserfolg.

— Quellen dieser Ausgabe